maak.fischer

diplom medienberater

Sommersemester 2002

Auszug aus dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis der Medienberatung

LV: 0134L048

PP: Die Inszenierung des 100. Geburtstages – Ferdinand Marian

Es geht in diesem Praxisprojekt für künftige Medienberater um die Planung und Gestaltung der Programmform „100.Geburtstag“ und damit gleichzeitig um die praktische Einübung in die mäzenatische Fest- und Eventkultur.

Kultur- und Mentalitätshistoriker, vor allem aber Volkskundler beschreiben, so Horst Groschopp in einem lesenswerten Aufsatz, das Fest als Sphäre der Inszenierung, der Fülle, der Emotionalität im Gegensatz zum Alltag, bestimmt durch Zufall, Mangel und Routine. Feste ordnen, schützen vor dem Chaos, bedingen Friedenspflicht, erfordern und erzeugen Rituale, setzen Sinnbilder, transportieren Werte, und zielen auf eine Steigerung des Gefühlslebens. Jedem Fest wohne eine innere Dynamik sozialer Betätigung und Bestätigung inne, die Integration, Wert-, Zeit- und Sinnerfahrung stifte. Die meisten Feste und Feiern haben eine lange Tradition und verschiedene soziale Anlässe. Die ältesten folgen dem Kreislauf der Natur: Erwachen und Sterben im Jahreslauf und im bäuerlichen Arbeitsrhythmus. Urbanität und Geschäftskalender verweisen diese Feste heute weitgehend an die Werbeindustrie. Eingebunden in diese Tradition und in diesen Kalender sind Feste und Feiern, die durch religiöse und staatliche Rituale bestimmt werden. Juden haben andere Feiertage als Mohammedaner, beide andere als Christen, Protestan andere als Katholiken mit ihrer Marienverehrung. Und zum Kalender der staatlichen Feiern gehören nationale und internationale Gedenktage des Erinnerungsdiskurses (Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz u. a.) Und last but not least gibt es viele Feste im privaten Alltag: Geburt, Reifung (Initiation), Familiengründung, Tod (Beerdigung) und Ereignisse aus dem Kalender der Freizeitkultur: Feierabend, Wochenende, Urlaub: Jeder Tag kann Partytag sein, alles bietet zum Feiern Anlass.

Die Inszenierungen der Feste und Feiern wiederholen sich meist in einem festen Kanon: Plätze und Straßen bekommen den Namen des Jubilars, Gedenksteine werden aufgestellt, Bäume gepflanzt, Zeitzeugen werden befragt, Erinnerungen ausgetauscht, Archive werden für Ausstellungen geöffnet, Werke aus dem Nachlass aufgeführt, Festschriften verfasst, Festgedichte rezitiert, Festspiele und Tableaux vivants inszeniert: Lebens Bilder.

In unserem Praxisprojekt geht es um den 100. Geburtstag eines Schauspielers, den heute aber kaum einer mit Namen kennt, obwohl der Jubilar international so berühmt ist wie die inzwischen ebenfalls hundertjährige Marlene Dietrich und der hundertjährige Heinz Rühmann, – nur nicht unter seinem Namen. Man identifiziert ihn bis heute eben mit „Jud Süß“, der Titelrolle von Veit Harlans 1940 uraufgeführten antisemitischen Spielfilm.

In Wirklichkeit hieß er Haschkowetz und kam am 14. August 1902 im antisemitischen Wien zur Welt, wo eine alte ehemalige Primadonna der Operette und ein ebenfalls sehr alter Hofopernsänger für kleine Basspartien ihn zu einem liebenswürdigen Versager erzogen. Nur mit Widerwillen wurde er Schauspieler. Auf der Bühne stand er 1922 zum ersten Mal, die ersten Hörspielrollen spielte der Wiener ebenfalls in den zwanziger Jahren, seine Filmkarriere begann er als Partner berühmter Filmfrauen unter den Nazis. Er spielte Naturburschen und Ausländer, Liebhaber und Mörder mit Sex-Appeal.

Jospeh Süß Oppenheimer war seine erste Judenrolle nicht. Der Österreicher verkörperte bereits vor 1933 verschiedene Juden auf der Bühne. Wegen seines Aussehens wurde er von der SA sogar für einen Juden gehalten und boykottiert und bekam deshalb auch keinen Ufa-Vertrag. Süß wurde ihm von der Terra angeboten. Der inzwischen erfolgreiche Künstler weigerte sich ein Jahr lang, diee Figur zu spielen. Er protestierte sogar bei Goebbels, aber ohne Erfolg. Schließlich kam er auf die Idee, den Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda mit den Mitteln der Kunst zu überlisten. Er zeigte nämlich nicht die von den Nazis bestellte antisemitische Karikatur, sondern realisitisch einen Juden, der sich in diesem vom Judenhass geteilten Schwaben assimilieren möchte. Sein Süß ist ein junger, geschlechtshungriger Aufsteiger und schämt sich für seine Herkunft. Der Künstler zeigt die Tragik des assimilierten Menschen, dem die garantierte rechtliche Gleichstellung durch einen staatlichen Willkürakt genommen wird und ins Verderben stürzt. er ist der erste Schauspieler, welcher für die Schande, Jude in Deutschland zu sein, eine überzeugende Gestalt findet. Der Schauspieler zeigte den Kinobesuchern im In- und Ausland einen jüdischen Liebhaber, dessen einzige Schuld es ist, Deutscher sein zu wollen. Er erreichte damit, dass der Film nicht nur als sadistischer Himmler-Befehl verstanden wurde, jüdische KZ-Häftlinge zu Tode zu prügeln, sondern dass die Mehrheit der Zuschauer weltweit den Film als Melodram las, als tragische Love Story. Sein Süß wird zur Kino-Ikone für eine Liebe zwischen einem liberalen Juden und einer frommen Protestantin inmitten des Holocausts. Versuche, mit heiteren Rollen das Gesicht des Joseph Süß Oppenheimer loszuwerden, misslingen. Der Darsteller verliert sein Gesicht und seine Identität und wird selber zum Verfemten und haltlosen Alkoholiker und kommt am 9. August 1946 gewaltsam ums Leben, bei einem Autounfall.

Dass unser Junbilar ein hervorragender Charakterdarsteller und Erzkomödiant war, auf der Bühne, im Kino und im Radio, musste nach 1945 aus respekt gegenüber den Opfern des Holocaust in Vergessenheit geraten. Nicht vergessen wurde sein Joseph Süß Oppenheime. Der historische Stoff wurde nach dem Tod des Schauspielers im Jahre 1946 immer wiederfür verschiedene Medien bearbeitet. Es gibt mehrere Bühnenstücke, zwei Opern, etliche Hörspiele und zwei Fernsehfilme (ZDF, NDR). Um am 25. Mai 2002 findet die Uraufführung des Schauspiels „Des Teufels Komödiant“ in Trier statt.

Zum 100. Geburtstag unseres Weltstars könnte eine Straße auf dem Filmgelände in Babelsberg im Rahmen eines Happenings den Namen „Jud-Süß-Gasse“ bekommen (in Stuttgart gibt es bereits einen Joseph Süß OppenheimerPlatz). Im Grunewald könnten Jud-Süß-Bildstöcke aufgestellt werden und an den Schauspieler-Märtyrer erinnern. Geschenkartikel für alt gewordene Fans wären zu entwerfen. Auch die Einrichtung eines Senioren-Chats zum Thema „Mein Filmliebling“. Denkbar wäre eine Mitarbeit an der in Vorbereitung befindlichen Ausstellung, aber auch eine Retrospektive von Filmen mit dem Schauspieler, Vorführung des Hörspiels „Suez“ von Rehberg, Wiedergaben der Collage „Der Jude in uns“, eine Lesung seines Bauerndramas „Korbinian“ oder des Schauspiels „Des Teufels Komödiant“ von Jutta Schubert, ja sogar eine szenische Lesung des bereits existierenden Drehbuchs wäre möglich.

Solche und ähnliche „Programmideen“ zu entwickeln und mit eigenen Mitteln oder mit Hilfe von Sponsoren zu verwirklichen, ist das Lernziel dieses Praxisprojekts.

© 2009 maakfischer

alle rechte vorbehalten • kontaktimpressumseitenanfang ↑