maak.fischer

diplom medienberater

Sommersemester 2005

Auszug aus dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis der Medienberatung

LV: 0134L048

SE: Internet-Ruinen

Es ist der Charme wohlgebildeten Staubs, der Wissenschaftler dazu bringt, näher hinzusehen und das vom Staub verdeckte freizulegen. Das WorldWideWeb hat bereits Staub angesetzt und Schichten gebildet. Für die Medienberatung der TU begibt sich ein Expeditionsteam in die Ruinen des Internets und sucht nach den Resten vergangener Webseiten. Möglicherweise wird dabei sogar ein Schatz gehoben!

In diesem Praxisseminar begeben sich die Teilnehmer auf eine archäologische Expedition ins Internet. Wir schwärmen aus auf dem virtuellen Grabungsgelände und durchsuchen systematisch die relevanten Abschnitte des Cyberspace. Die Teilnehmer legen Forschungstagebücher als Blogs an, und tauschen online ihre Ergebnisse aus. Gemeinsam entwickeln wir die Struktur der Fundstückedatenbank und füllen diese mit unserer Beute. Das Dokumentieren, Kategorisieren und Kommentieren der Fundstücke führt uns zum Expeditionsziel:

  • verstaubte, verlassene, verwitterte, frühe Webseiten finden und bewerten
  • der Versuch einer Dokumentation über globalen Cybermüll
  • eine Internetausstellung mit weltweiter Beachtung

Unterstützung findet das Expeditionsteam durch Internetexperten per Telekommunikation. Seminarsprachen sind Deutsch und Englisch, Sprecher anderer Sprachen sind willkommen! Im Seminar gibt es eine Einführung „Programmieren fürs Internet“. Die Teilnehmer unterstützen sich gegenseitig im Umgang mit Html, Css, Javascript, Php, Sql und Flash.

„Die Geschichte der Ruine erlebt gegenwärtig eine neue Phase, nämlich im Internet: Wie oft stößt man auf Seiten, die schon ein, zwei, mehrere Jahre nicht mehr „gepflegt“ wurden. Oder Seiten, die mit großen Ankündigungen starten, dann aber nach zwei, drei Klicks im Nichts enden. Seiten, die, bevor sie je fertig wurden, schon wieder aufgegeben sind. Bald werden solche Internet-Ruinen, vergleichbar klassischen Bauruinen, auf ihre Art Patina ansetzen: Sie werden als antiquiert auffallen, sobald sich die Webästhetik ändert oder neue User-Techniken üblich werden. Dann werden sie auch Schaulustige anziehen, und es wird Linklisten geben, die auf die skurrilsten Ruinen aus der Frühzeit des Internet verweisen. Und schon läßt auch so etwas wie ein Denkmalschutz für alte Websites nicht mehr auf sich warten…

Auf jeden Fall: Es ist ein typisches Phänomen des Internet, daß so viel Unfertiges und Aufgegebenes dort „herumliegt“. Und warum sollte man nicht schon einmal damit beginnen, Links zu den grandiosest „verkommenen“ Sites zu sammeln? Und dabei Formen des Scheiterns untersuchen (vgl. meine Idee „Flops“!)? Sich Gedanken darüber machen, ob und wie sich die Geschichte des Internet einmal im Medium selbst abbilden wird und auch abbilden soll. Und ob es nicht sogar wichtig ist, alte Seiten zu „schützen“ und dafür z. B. die Domain-Kosten zu übernehmen? Wer hätte also Lust auf eine Plattform unter http://www.internetruinen.de?

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