maak.fischer

diplom medienberater

Wintersemester 2004/05

Auszug aus dem kommentierten Vorlesungsverzeichnis der Medienberatung

LV: 0134L048

SE: Fertigstellung einer Internetausstellung

Der Hintergrund

Im Januar 2005 wird der WDR zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz die in der medialen Öffentlichkeit aber auch im privaten Kreis viel diskutierte TV-Serie „Holocaust“ erneut ausstrahlen. Im Rahmen des Praxisprojekts „Medium Ausstellung II“ entwerfen und entwickeln wir eine Internet-Ausstellung, die dieses Fernsehereignis medienpädagogisch begleitet und nachbereitet und am 27. Januar 2004 in den Räumen des WDR eröffnet wird.

Betreuung und Unterstützung für die Umsetzung ihrer Ausstellungsideen erfahren die studentischen Arbeitsgruppen von Fachleuten des Ausstellungsbüros x:hibit, aber auch von Kultur- oder Medieninstitutionen wie dem Westdeutschen Rundfunk oder dem Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam. Ein weiterer Projektpartner ist die Konrad-Wolf-Hochschule für Film und Fernsehen: Hier arbeiten Studenten in einer Studie über das Verhältnis der heutigen Rezeptionsgewohnheiten und dem TV-Serial „Holocaust“ von 1979. Und schließlich beteiligt sich mit maaketgimmicks ein Büro für Mediendesign und Internetprogrammierung an der Umsetzung.

Fast die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung in der BRD (48 %) sah 1979 die vier Folgen der TV-Serie „Holocaust“. Die öffentliche Resonanz war groß und intensiv. Doch schon 20 Jahre später müssen Alphons Silbermann und Manfred Stoffes auf der Grundlage einer repräsentativen gesamtdeutschen Befragung erschreckend feststellen, dass jeder fünfte Jugendliche nicht mehr weiß, „wer oder was“ Auschwitz war oder ist.

Die Aufgabe

Die Internet-Ausstellung will diesen Vergessensvorgang zumindest verlangsamen, indem sie das Konzept von damals – die Ausstrahlung medienpädagogisch zu begleiten – übernimmt und mit den Mitteln der modernen Kommunikationstechnik umsetzt: Die Telefonzentralen und die Diskussionsrunden im Fernsehen werden in Foren und Interaktionen im Netz verwandelt. Bei unserer Online-Ausstellung handelt es sich um ein Marketing-Konzept, dass sich der Bildungsarbeit verschrieben hat.

Die Internetausstellung ist schon nach den ersten Entwicklungsschritten als Diskussionsforum angelegt, in dem die Stimmen des Jedermann gehört und präsentiert werden. Auf der Veranstaltung anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Offenen Kanäle forderte Thomas Krüger (Präsident der Bundeszentrale für Politische Bildung), „dass auch in den so genannten Neuen Medien Offene Kanäle, öffentlich und frei zugängliche Medienangebote sich frei entfalten können.“ Die Projektgruppe geht einen Schritt in diese Richtung!

Die Ergebnisse

Während die Studenten mit dem Stofflieferanten, einem Grafiker, einem Programmierer und dem Ausstellungsprofi Johannes Krug ihre Ideen diskutierten, durchliefen sie die gestalterischen Etappen Exposé, Treatment und visuelles Storyboard. Im kommenden Wintersemester wird es darum gehen, diese Vorstufen des „virtuellen Exponats“ in einem technischen Storyboard zu konkretisieren, damit es auf der virtuellen Ausstellungsplattform, einer Informationsstruktur aus vitrinenartigen Kuben, platziert werden kann. Bisher entstanden beispielsweise eine Chat-Area, in der es um die Ausschwitzlüge geht, eine interaktive Zeitzeugencollage oder ein Guiding-System, in dem der Besucher als Quartettspieler an die Inhalte herangeführt wird. Der Guide durch die Internetausstellung ist ein rosa Kaninchen; damit spielen seine Erfinder Julian Wolf, Jana Geittner und Heike Kochendorfer auf die Trilogie von Judith Kerr an, deren erster Teil „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ die Geschichte einer emigrierenden Familie jüdischen Glaubens erzählt. Sobald der Besucher die Internetplattform „betritt“ bietet der kleine Gefährte seine Hilfe an. Er gibt Hinweise auf die Inhalte der Ausstellungskuben und fordert den Teilnehmer auf, in den Inszenierungen nach kleinen Symbolen zu suchen, hinter denen sich jeweils eine Quartettkarte verbirgt. Inszenierungen, in denen die Zeitzeugen der Erstausstrahlung zu Wort kommen und in denen es um die Rezeption der Serie geht, wurden von Sven Töllner und Jörg Ekkert entwickelt. Während Jörg Ekkert eine Art Presseecho aus Stimmen verschiedener Prominenter anbietet, stellt Sven Töllner die Filme „Holocaust“ und „Jud Süß“ gegenüber. Der Soundkünstler will mit dieser Montage von Tonsequenzen und dem Filmmaterial eine Aura des Irrealen entstehen lassen, die den bizarren Charakter der Zuschauerreaktionen verstärkt.

Die Studentinnen Susanne Högemann und Sonja Landuyt bieten dem Besucher eine Zusammenfassung der Holocaust-Serien an, die in ihrer Umsetzung die Tatsache aufgreift, dass 48% der deutschen Bevölkerung „Holocaust“ sahen. Durch verschiedene Zimmerfenster, die auf der Hälfte der Kubenfronten liegen, kann der Besucher ein Wohnzimmer betreten und in einer 70er-Jahres-Atmosphäre ausgewählte Filmsequenzen sehen, die einen schnellen aber auch individuellen Eindruck von der Geschichte der Familien Weiss und Dorf vermittelt. Die Arbeitsgruppe von Maja Blatt, Stella Goffenberg und Jana Wolotschy hat sich der Figur der Anna Weiss verschrieben. Sie thematisiert das Schicksal des jungen Mädchens, die nach einer Vergewaltigung durch SS-Männer verstummt und in der Nervenheilanstalt Hadamar als Geisteskranke vergast wird. Die Vergewaltigungsszene aus dem Film wird mit einem Zitat aus den Nürnberger Rassengesetzen konfrontiert, worin der sexuelle Kontakt zwischen Ariern und Nichtariern verboten wird. Es ist offensichtlich, dass hier die perfide Gewaltbereitschaft des NS-Regimes angeprangert wird.

Die Inszenierung „Holocaust vs. Shoa“ verfolgt einen etymologischen Ansatz. In einem Wissensspiel erfährt der Besucher des Kubus von Lars Klebow, Jens Ludwig und Isa Tozmann, was Holocaust und Shoa ursprünglich bedeuten bzw. bezeichnen.

Schlussendlich wird eine Inszenierung entwickelt, die das Lebenswerk des Mediensoziologen Alphons Silbermann präsentiert. Nicht nur, dass es hier darum geht Silbermanns Weg fortzusetzen, indem gegen das Vergessen angearbeitet wird, hier findet sich die Anbindung an das Moses-Mendelssohn- Zentrum in Potsdam, welches das Material für die Inszenierung stellt. Außerdem findet in den Räumen des Instituts der Pretest statt, indem die Studenten der TU Berlin ihre Ausstellung den Kollegen und Kolleginnen aus Potsdam präsentieren.

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